Dipl.-Ing. Jürgen Hofmann, EHEDG: Lebensmittelhygiene

Lebensmittelhygiene – Herausforderung und Chance für Maschinenbauer

Guter Appetit ist ein Zeichen von Lebensfreude. Das weiß auch Dipl.-Ing. Jürgen Hofmann, Chef der deutschen Sektion der EHEDG (European Hygienic Engineering & Design Group). Sein Blick “hinter die Kulissen“ der Lebensmittel- ebenso wie z.B. der Getränkeproduktion lehrt ihn aber oft genug anderes. Dass es im Lebensmittelbereich nicht viel häufiger zu Skandalen kommt, hat seiner Meinung nach mit der hohen Qualität der deutschen Lebensmittelproduktion zu tun. Aber auch damit, dass da, wo Getränke- und Lebensmittel hergestellt, veredelt oder verpackt werden, stillschweigend, aber aus gutem Grund mangelhafte Chargen entsorgt werden, bevor sie das Werksgelände verlassen. Die Gründe hierfür liegen aber keineswegs in unhygienischen Produktionsbedingungen, schlechten Rohstoffen oder nachlässigen Kontrollen, sondern häufig an hygienisch mangelhaft ausgerüsteten Produktionsanlagen. Trotz aller Reinigungsmaßnahmen lässt sich eben nicht ausschließen, dass sich z.B. am Grat einer Schweißnaht Verunreinigungen festsetzen, die nach Ablauf der “Inkubationszeit“ die ganze Charge verderben. Für Hofmann gibt es nur eine Lösung, wie sie mit der TÜV-Plakette fürs Auto selbstverständlich ist. „Wir dürfen nicht die Symptome bekämpfen, sondern müssen das Übel an der Wurzel packen. Veränderung muss am Anfang der Kette beginnen. Nämlich beim Hygienic-Design des Maschinenparks der Lebensmittel- und Getränkeindustrie.“ Er fordert: keine Zulassung für Produktionsanlagen, die nicht den Anforderungen des Hygienic Designs entsprechen. Dafür gibt es gute Gründe, und deshalb müssen die Rechtsvorgaben konsequent durchgeführt werden.


Herausforderung Anlagentechnik

Als Chef der deutschen Sektion der EHEDG weiß Hofmann, wo man ansetzen muss, nämlich bei der Konstruktion der Maschinen und Anlagen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie nach den Forderungen des Hygienic Designs. Ebenso weiß er: Veränderung gelingt nicht unter dem Mantel des Schweigens, sondern nur durch massive und systematische Kommunikation dieses Themas in der breiten Öffentlichkeit, für die “Hygienic Design“ noch ein Fremdwort ist. Seine besten Verbündeten sind dabei naturgemäß die Unternehmen der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, die ein vitales Interesse an Maschinen und Komponenten haben, mit denen sie erstens auf der sicheren Seite wären und zweitens einen wesentlichen Faktor für eine höhere Wertschöpfung gewinnen würden. Nämlich dadurch, dass sie die massive Wertvernichtung schon auf konstruktivem Wege zumindest auf ein absolutes Minimum reduzieren könnten.

Der Fisch stinkt nun einmal immer vom Kopf her. Auch Lebensmittelqualität beginnt immer in der Herstellung. Was hier nicht stimmt (und nicht rechtzeitig entdeckt und aus dem Verkehr gezogen wird), wandert die Vertriebskette entlang bis zum Endverbraucher (und kontaminiert auf diesem Weg möglicherweise alles, was damit in Berührung kommt. Deshalb liegen Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zuvörderst in der Verantwortung des Lebensmittelherstellers. Eine umfassende Qualitätskontrolle und die Durchführung einer hygienischen Produktion muss optimal verlaufen, permanent optimiert und immer den aktuellsten Anforderungen angepasst werden. Die entscheidenden Weichen werden aber schon mit dem Hygienic Design gestellt – oder eben nicht.


Hygienic Design im Produktionsprozess

Jürgen Hofmann: „Hygienic Design ist die reinigungsgerechte oder auch reinigungsfreundliche Gestaltung von Bauteilen, Komponenten und Produktionsanlagen. Bei der konstruktiven Gestaltung werden die Anforderungen an die Reinigbarkeit so berücksichtigt, dass möglichst alle Bereiche vermieden werden, in denen sich Schmutz ansammeln kann und so während der Produktion eine Gefahr für das Produkt (z.B. Lebensmittel) darstellen kann, also Möglichkeiten zur Kontaminierung schon konstruktiv auszuschließen. Vor allem erfordert eine effektive und sichere Reinigung von Produktionsanlagen leicht reinigbare Komponenten. Hygienic Design ist also ein wichtiger Baustein zur Sicherung der Lebensmittelqualität.“


EHEDG im Kampf für die Umsetzung des Anspruchs

Bleibt die Frage, warum die Wirklichkeit häufig noch so viel anders aussieht als der Anspruch. Schließlich ist Hygienic Design kein Luxusartikel einer Überflussgesellschaft, sondern längst verbindlich vorgeschrieben. Die neugefasste Maschinenrichtlinie (2006/42/EC), die auf den allgemeinen Forderungen der beiden Normen DIN EN ISO 14159 und DIN EN 1672-2 basiert, ist nicht nur für die Lebensmittelindustrie vorgeschrieben, sondern hat Gültigkeit auch für die Herstellung von Pharmaka und Kosmetika. Liegt es am fehlenden politischen Gestaltungs- und Durchsetzungswillen? Fehlt es an geeigneten Kontrollmechanismen oder am Geld, in Kontrolleure zu investieren? Liegt es an der Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit oder gar der kriminellen Energie einiger, die ihr Geld statt mit Qualität mit Quantität verdienen, ohne ernsthaft Konsequenzen fürchten zu müssen? Oder fehlt es – in der Hoffnung, dass Ahnungslosigkeit vor Strafe schützt – einfach nur am Wissen um die gültigen Richtlinien und darum, wie diese umzusetzen sind? Oder haben wir ganz einfach nicht die erforderliche Technologie bzw. das Geld für diese Technologie? Hier Abhilfe zu schaffen ist eines der zentralen Anliegen der European Hygienic Engineering & Design Group (EHEDG), die sich zur Aufgabe gemacht hat, Unterstützung und Anleitung für alle Aspekte der hygienegerechten Konstruktion und Fertigung von Anlagen und Maschinen zum sicheren Prozess in der Herstellung von Nahrungsmitteln und ähnlichen Produkten bereitzuhalten. Es ist kein Zufall, dass ihr Sekretariat beim VDMA angesiedelt ist, der als natürlicher Verbündeter ein vitales Interesse daran hat, seine Mitglieder, soweit sie die Branchen Lebensmittel, Getränke, Pharmazie, Kosmetik und Biotechnologie beliefern, bei der Umsetzung der einschlägigen Normen und Vorschriften zu unterstützen. Das ist auch nötig, solange z.B. Hersteller von Abfüllanlagen in diesem Punkt teilweise noch nicht auf EHEDG-Linie liegen oder mit dem Deutschen Brauer-Bund ein führender deutscher Verband der Getränkeindustrie das Reinheitsgebot auf die Rezeptur seiner Getränke beschränkt.


Zertifizierung nur freiwillig

Die zweite große Aufgabe der EHEDG neben der Aufklärungsarbeit: Sie zertifiziert Bauteile und Anlagenkomponenten, die z.B. in der Nahrungsmittel-, Getränke- oder Pharma-Industrie besonders hohen Reinheitsanforderungen unterliegen. Solange aber diese Zertifizierung nicht verbindlich vorgeschrieben ist und die Lebensmittelkennzeichnung keinen Hinweis auf die Zertifizierung der Maschinen und Anlagenkomponenten enthält, die das Lebensmittel oder seine Vorprodukte durchlaufen haben, der Endverbraucher also gar nicht wissen kann, ob bei der Ware mit Hygienic Design Voraussetzungen für “sichere“ Produktion vorlagen, ist flächendeckende Nachhaltigkeit noch nicht gegeben.


Nur Kommunikation verändert die Wirklichkeit

Damit können weder die Verbraucher noch die Lebensmittel- und Getränkehersteller zufrieden sein. Wer die Situation verändern will, muss also das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verändern. Daher hat Dipl.-Ing. Hofmann der EHEDG eine dreifache Marschrichtung verordnet:

1) eine breitangelegte Kommunikationskampagne in den relevanten „Verkehrskreisen“

2) die Schaffung eines breiten Bündnisses auf Industrieseite

3) Lobbyarbeit zum Aufbau eines politischen Drucks, der erforderlich ist, den gültigen Empfehlungen Gesetzescharakter zu geben.

Das Ziel: eine allgemeingültige verbindliche Regelung für eine verbindliche Zertifizierung der Anlagen und Bauteile sowohl bei Inbetriebnahme als auch bei Nachprüfungen der ordentlichen Wartung und Reinigung in festen Zyklen – nach dem Vorbild der TÜV-Prüfungen, Zertifizierungen und Richtlinien, wie sie in andern Bereichen überall in der Industrie gang und gäbe sind, ob es die Druckgeräterichtlinie bei Schlauchleitungen ist oder die DVGW-Zertifizierung von Trinkwasserarmaturen. Das schließt natürlich Rechtsfolgen bei Nichtzertifizierung oder Nichtbestehen einer Prüfung ein, von der sofortigen Stilllegung der Produktion bis zum verpflichtenden Nachweis der erfolgreichen Nachbesserung. Dabei wären zunächst nur Neuanlagen betroffen, nach einer definierten Übergangsfrist aber auch Altanlagen.

Die Kosten der Prüfung und Zertifizierung dürften jedenfalls nicht das große Problem darstellen. Die übliche vorsorgliche Vernichtung kontaminierter Produktions-Chargen, die unter solchen

EHEDG-Vorzeichen praktisch kaum mehr stattfinden muss, fällt als Kostenfaktor aus, während mit den zu erwartenden störungsfreien Prozessen auch eine höhere Produktivität einhergeht. So wären Prüf- und Zertifizierungskosten gleich mehrfach gegenfinanziert.


Kommunikation wird die Einsicht schaffen

Die erste Stufe der Kampagne ist schon relativ weit gediehen. Wer Informationen rund um die hygienische Produktion in der Verarbeitungs- und Verpackungsindustrie sucht, wird im Internet unter www.hygienic-processing.de fündig. Das Portal enthält eine Literaturdatenbank, die bisher unter www.hygienic-design.de zu finden war und im Rahmen eines vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Gemeinschaftsprojektes zusammengestellt wurde. Dieses Portal wird nun ausgeweitet zu einer zentralen Kommunikationsplattform zum Thema sichere und hygienische Produktion. Es entsteht in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV und seiner Außenstelle, dem Fraunhofer-Anwendungszentrum für Verarbeitungsmaschinen und Verpackungstechnik AVV, dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA, der Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung IVLV und dem Lehrstuhl für Maschinen- und Apparatekunde der Technischen Universität München.

Die Kommunikationsplattform www.hygienic-processing.de ist nicht nur als Anlaufpunkt für die Lebensmittelindustrie gedacht, sondern auch für die Branchen Pharma, Kosmetik und Biotechnologie. Also für die Industriebereiche, in denen die Durchführung einer reproduzierbar sicheren Reinigung der Anlagen und das Vermeiden von Kreuzkontaminationen nur möglich sind, wenn Maschinen und Oberflächen entsprechend gestaltet sind.


Nur Chancen

Im Blick auf die Zukunft ist Dipl.-Ing. Jürgen Hofmann jedenfalls optimistisch: „Es können ja alle Beteiligten nur gewinnen. Die Verbraucher, die mit Appetit essen können, die Lebensmittel- bzw. Getränkeindustrie, die ihre Wertschöpfung und ihren Ruf verbessern kann, die Hersteller von Maschinenanlagen und -komponenten, die aus dem Binnenmarkt neue Aufträge für Hochwertlösungen erhalten. Wer sollte wider bessere Einsicht freiwillig auf Chancen verzichten?“


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